Modern oder historisch? Denkmalschutz um 1900
Wer heute die Kirche betritt, wird überrascht. Von außen im Gewand einer sächsischen Dorfkirche, erscheint das Innere mit reicher Bemalung. Ornamente wie bunte Blüten, grüne Blätter, kunstvoll verschlungene Ranken, goldgelbe Strahlen und scheinbare Wandbespannungen in streng gerafftem Grün kann man hier eigentlich nicht erwarten. An der höchsten Stelle des Tonnengewölbes fliegt gar eine weiße Taube, umringt von einigen Tierkreiszeichen. Sind wir in einer Jugendstilkirche?

Der Dresdner Architekt Woldemar Kandler (1865 bis 1929) hatte mit dem Umbau der Weißiger Kreuzkirche im Jahr 1901 viele schwierige Fragen zu lösen. Der damals hochaktuelle Gedanke des „Heimatschutzes“ (heute: Denkmalschutz) verlangte von den Bauherren, die herkömmliche Bauform des Landes nicht weiter zu vernichten. Damals waren viele neue Kirchen (und nicht nur diese) in die Höhe geschossen. Die Bauten wirkten im Stil wie kleine Kopien von „Notre Dame“ zu Paris oder des Kölner Doms. Der sogenannte Historizismus bedrohte mit Haustein und Klinker den landestypischen Baustil.

Nun ging es plötzlich wieder darum, alte romanische Rundbögen sowie das Barock, das nachfolgende „Rococo“ und den Klassizismus neu zu entdecken. So forderte es zum Beispiel der erste Deutsche Denkmalpflegetag. Er fand 1900 in Dresden statt. Daher kam der Entschluß, die Weißiger Kirche möge ihre Rundbogenfenster behalten, Putz tragen und ihr schwerer Turm müsse von einem hochspitzen, neu-barocken, eleganten, achteckigen, schiefergrauen Türmchen gekrönt sein.

Damit waren damals zwar die Fragen für die äußere Gestalt der erweiterten Kirche gelöst. Was aber mit dem Inneren? Einer der führenden deutschen Denkmalpfleger der damaligen Zeit, der Dresdner Professor Cornelius Gurlitt, forderte: Bei Um-, Neu- und Erweiterungsbauten sollten zeitgenössische Formen vorherrschen. Für Weißig hieß das: Architekt Kandler plante die Innengestaltung im Jugendstil statt einer historischen Stilkopie. So finden sich Romanik und Neubarock außen, Jugendstildekors innen. Mit anderen Worten: 1901 stand man in Weißig auf der Höhe der Zeit.

Zu den Baukosten berichtet Pfarrer Mannschatz am 30.7.1901: „Die gesamten Baukosten belaufen sich nach dem Anschlag, der in der Hauptsache inne gehalten wird, auf etwa 60.000 Mark ...“ Auch die Kosten hatte man damals in der Hand, so scheint es aus heutiger Sicht.


Aberglauben in der Kirche? Was der Tierkreis verrät

Pfarrer Lehmann schildert die überraschendste Wiederentdeckung des Jahres 2002: „Die nach den ersten Untersuchungen erwarteten gelegentlichen Jugendstilelemente erwiesen sich nach dem Abwaschen der gesamten Decke als überaus reichhaltige Jugendstilmalerei. In der Mitte prangt eine Gloriole, die eine Taube als Zeichen des Heiligen Geistes darstellt. Davon gehen Lichtstrahlenbündel über die gesamte Fläche aus. Zwischen diesen Strahlenbündeln werden acht Tierkreiszeichen sichtbar.“

Als prächtig ausgemalt erwies sich auch der Altarraum. Unter dem dreckigen Rußbraun trat ein blauer Sternenhimmel zutage, mit Ranken, Muschelwerk und bekrönenden Strahlenkränzen, zum Teil sogar vergoldet. Der Mauersockel schimmerte grün, er entpuppte sich als gemalter Gobelin, umschlossen von einer Lilienranke.

Das Staunen war groß über den reichen Kirchenschmuck aus der Zeit der Groß- und Urgroßväter. Warum aber die acht Tierkreiszeichen - und die Taube in der Mitte?

Die Taube ist seit altersher ein Friedenssymbol. Schon in der Geschichte von der Arche Noah bringt die Taube mit dem grünenden Olivenzweig im Schnabel das Zeichen für einen neuen Lebensraum nach der Sintflut (1. Mose 8, 8 - 12). Sie zeigt an, daß Gott mit seinem Volk Frieden geschlossen hat. Die Tierkreiszeichen ringsherum stehen wohl für die Kräfte der Welt, die Einfluß nehmen auf die Lebenswege und Entscheidungen von Menschen. Der leuchtende Kranz rings um die Taube überstrahlt sie. Damit sind sie eingebunden in den Friedensplan Gottes.

Schon die frühe Christenheit hat die Tierkreissymbole in ihrem Sinne gedeutet. Der Widder gilt als Christuslamm, der Stier als das Opfertier und die Zwillinge als das Alte und das Neue Testament. Die Jungfrau, die für die Gottesmutter Maria steht, geht der Waage voraus. Die Waage symbolisiert das Christuskind, denn es stellt die Gerechtigkeit wieder her. Der Löwe ist das Zeichen der Auferstehung. Ihm verdanken wir den Sieg über den Skorpion, die böse Schlange. Der Schütze wird als dämonisches Zeichen angesehen. Die Fische weisen auf die Juden und die Heiden hin. Beide könnten durch das Taufwasser gerettet werden, das der Wassermann - Christus - ausgießt.

Und warum hier nur acht Tierkreiszeichen? Eine Erklärung lautet: Wenn im Alten Testament die Zahl Sieben als heilige Zahl geachtet wird, dann steht die Acht für das Neue Testament. Sie kündigt die Seligkeit des kommenden Himmelreiches an. Viele Taufbecken haben deshalb acht Ecken.
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