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Die Kirche war, wie alles, in den Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit heruntergekommen. Anfang der siebziger Jahre mußte etwas geschehen, denn der Turm war baufällig und das Dach nach rund einem Menschenalter zu schwach, dem Regen zu trotzen. Die nun klein gewordene Gemeinde diskutierte, was man angesichts des Mangels an Baumaterial in der DDR denn tun könne. Einig war man sich, daß die Weißiger Kreuzkirche nicht aufgegeben wird. Viele waren aber dafür, den Bau den neuen Möglichkeiten anzupassen. Das sollte unter anderem heißen: Der Turm wird gekürzt, wie in Schönfeld oder Stolpen.
Es gehört zu den unerwarteten Wendungen der Baugeschichte, daß dieses Unterfangen scheiterte. Pfarrer Joachim Stolle, 1959 bis 1977 im Dienst in Weißig, sperrte sich gegen den Zeitgeist. So kam 1971 ein riesiges Holzgerüst an den Turm, wie man es heute nicht mehr findet. Bauarbeiter überholten alles, die neubarocke Turmspitze blieb.
An anderer Stelle siegte jedoch die Moderne. Im Innenraum verschwanden die letzten Reste des einst so farbenfroh verschlungenen Jugendstildekors. Schon um 1930 waren Teile davon mit einem strengen Kassettenmuster, andere Teile im Jahr 1963, übertüncht worden. Die Inschrift „Ehre sei Gott in der Höhe“ auf dem Rundbogen vor dem Altarplatz wurde nun auch übermalt. Vermutlich war eine Rekonstruktion zu aufwendig. Im Altarraum meinte man sogar, im Dekor von 1901 „hakenkreuzähnliche“ Ornamente zu erkennen. Ein braun-weißer Überstrich erledigte die Frage. Die bunten Fenster entfielen gegen Weißglas und das runde Fenster hinter dem Altar wurde mit einem Deckel verschlossen. Zum Ausgleich sollten moderne Messingleuchter dem Ganzen neue Akzente geben. So ergab sich ein neues Bild der Kirche gemäß dem aktuellen Zeitstil: Ein Jahr später, 1972, konnte eine offizielle DDR-Mannschaft an den Olympischen Spielen von München teilnehmen. Die ostdeutsche Nationalhymne ertönte in den Stadien des „ungeliebten Klassenfeindes“. Das Fernsehen der DDR überwand die Mauer auf seine Weise, indem es alles übertrug.
Doch das neue Bild im DDR-Stil blieb nicht ohne Tücke: Mit Betonziegeln war das Kirchenschiff neu eingedeckt worden. Sie weichten auf und hielten nicht lange dicht. Auch der Innenraumanstrich zeigte sich den harten Anforderungen nicht gewachsen. Erhalten geblieben waren aber die vielen Holzarbeiten im Jugendstil mit Ährenbündeln und Weinreben und das Altarbild mit der Emmaus-Szene (Lukas 24, 13 - 35). Sie trotzten den Zeitläufen und erinnerten leise an das, was nun nicht mehr sichtbar war.
Lockfeuer im Schornstein und gefährliche Glut
1901 war ein Teil der Gruft einem Heizungssystem geopfert worden, wie der damalige Pfarrer Richard Mannschatz berichtet. Dafür wurden zwei große Gitterroste in den Fußboden eingelassen. Sie liegen bis heute gut sichtbar im Mittelgang. Darunter verbergen sich je ein Schacht für den Kaltlufteintritt und den Warmluftaustritt einer Luftheizung. Die Wärme wurde in zwei riesigen Zylindern aus Stahl und Guß durch das Verfeuern von Holz oder Kohle erzeugt. Durch den Kaltlufteintritt wurde die Luft angesaugt und durch einen Tunnel bis unter die Heizkolosse geführt. Anschließend stieg sie daran empor, erwärmte sich und verließ den Warmluftschacht vor dem Altar.
Das Heizen war bis 1994, dem Jahr des Einbaus einer modernen Gas-Luftheizung, immer schwieriger geworden. Der Verschleiß und der Ersatzteilmangel forderten hohe Improvisationskunst. Je nach Außentemperatur mußte schon vier bis fünf Stunden vor dem Gottesdienst geheizt werden. Der letzte der vielen emsigen Heizer, Dietmar Dietze, berichtet über das Zünden: „Dies war jedesmal eine Zitterpartie. Da sich der Schornstein am Ullersdorfer Ausgang befand und der Ofen in der Kirchenmitte stand, war ein langer waagrechter Kanal nötig, der sich nicht sehr gut auf den Zug auswirkte. War das Wetter dazu noch neblig und trüb, wurde der Start des Ofens schon fast zum Kunststück.
Nach der Entfachung eines Lockfeuers im Schornstein, um diesen vorzuwärmen, wurde zuerst der linke und dann der rechte Feuerzylinder gezündet. Aufgrund des Alters und der vielen Undichtheiten entwich soviel Rauch in die Kirche, daß die Fenster ein bis anderthalb Stunde weit geöffnet bleiben mußten. Auch der Heizraum blieb vom Qualm nicht verschont und die Heizer mußten erst mal ins Freie flüchten.“
Deshalb konnte die Kirche im Winter nur noch an acht bis zehn Tagen genutzt werden. Als Ersatz diente ein notdürftig in Stand gehaltener kleiner Gemeindesaal. Das wiederum wurde auch zu einem großen Problem, als die Mitgliederzahl der Gemeinde nach der großen Wende von 1989 und dem Zuzug der neunziger Jahren stark anstieg. Die Kirche wurde ab 1994 wieder jeden Wintersonntag genutzt. Unter anderem das gab dem Ofen „den Rest“. Der Kirchenvorstand stand vor wichtigen Entscheidungen.
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